Es ist ein wiederkehrendes Gespräch. Eine Schule hat eine Stelle ausgeschrieben, sorgfältig formuliert, im Stellenmarkt der Erziehungskunst, im Waldorf-Ideen-Pool, auf der eigenen Website. Nach acht Wochen sind drei Bewerbungen eingegangen, davon eine ernsthafte, und die hat inzwischen anderswo zugesagt.
Die naheliegende Erklärung lautet: Es gibt keine Lehrkräfte mehr. Sie stimmt nicht ganz.
Der Unterschied zwischen niemandem und niemandem, der sucht
Eine Stellenanzeige ist ein Angebot an Menschen, die gerade suchen. Sie funktioniert, solange es genug davon gibt. Genau das hat sich verändert.
Der weitaus größte Teil der Lehrerinnen und Lehrer sucht nicht. Sie haben eine Stelle, oft eine verbeamtete, und sie sind beschäftigt genug, um keine Stellenportale zu lesen. Nach außen ist alles in Ordnung.
Innerlich sieht es bei einem erheblichen Teil anders aus. Da läuft seit Jahren eine Frage mit, die sich nie ganz beantworten lässt: Ist das der Beruf, für den ich einmal angetreten bin? Diese Menschen wechseln durchaus. Aber sie tun es nicht, weil sie eine Anzeige finden.
Was den Ausschlag gibt
Wer aus einem staatlichen Klassenzimmer an eine freie Schule wechselt, tut das fast nie wegen des Gehalts. In aller Regel ist die Bezahlung schlechter, die Sicherheit geringer, der organisatorische Aufwand größer.
Was den Ausschlag gibt, ist meistens etwas anderes: die Aussicht, das eigene Fach wieder unterrichten zu dürfen statt es abzuprüfen. Klassen, in denen man die Kinder über Jahre kennt. Ein Kollegium, das mehr ist als eine Gruppe von Menschen im selben Lehrerzimmer.
Das sind keine Argumente, die sich in eine Stellenanzeige schreiben lassen. Sie wirken nur, wenn jemand sie glaubt. Und glaubwürdig werden sie erst, wenn Menschen aus der Schule selbst sie erzählen.
Was das für die Ansprache heißt
Praktisch bedeutet das drei Dinge.
Erstens: Die Ansprache muss dorthin, wo Lehrkräfte abends tatsächlich sind, in die sozialen Medien. In Stellenportale schauen sie selten. Dort erreicht sie auch Menschen, die erst durch die Anzeige an einen Wechsel denken.
Zweitens: Sie fängt mit einer Beobachtung an, in der sich jemand wiedererkennt. Die Stelle kommt später. Zweihundert Klausuren im Halbjahr. Der Text, den man eigentlich besprechen wollte. Das Kind in der dritten Reihe, das man seit Wochen nicht mehr richtig gesehen hat.
Drittens: Der erste Schritt muss klein sein. Wer noch nicht sicher ist, ob er wechseln will, schickt keinen Lebenslauf. Er liest weiter, wenn man ihn lässt. Der Weg muss also erst informieren und erst dann fragen.
Der Teil, den viele unterschätzen
Wenn diese Ansprache funktioniert, entsteht ein neues Problem: Es melden sich Menschen, die noch nicht wissen, ob sie wirklich wollen. Manche passen fachlich nicht. Manche sind mitten in einer Lebensveränderung. Manche haben eine Vorstellung von Waldorf, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat.
Wer diese Rückmeldungen ungefiltert an eine Schule weitergibt, schafft mehr Arbeit als vorher. Deshalb telefonieren wir mit jedem, bevor die Schule eine Bewerbung sieht. In zwanzig Minuten klärt sich in aller Regel, ob eine Begegnung Sinn ergibt.
An der Freien Waldorfschule Schwäbisch Hall kamen auf diesem Weg 225 Bewerbungen. 50 davon gingen nach unserer Prüfung an die Schule, neun Stellen wurden besetzt. Die Prüfung der übrigen 175 hat die Schule keine Minute gekostet.
Geschrieben von Benjamin Müller, Gründer von BM Wachstum und selbst Vater an einer Waldorfschule. Zahlen aus Kampagnen stammen aus Projekten, die wir selbst begleitet haben. Rechenbeispiele sind als solche gekennzeichnet.

